Es war ein düsterer Novembermorgen. Die Uhr der protestantischen Kirche auf dem Marktplatze hatte eben fünf geschlagen. Ein Schutzmann, der die Kriegsstraße passierte, sah einen schwarzen Packen unter einem der Bäume liegen. Es war ein fest schlafendes Kind. Der Mann schüttelte und rüttelte das magere, im höchsten Grade verkommen aussehende Bürschlein wohl eine ganze Weile. Endlich – einen durchdringenden Schrei ausstoßend – fuhr der kleine in die Höhe. Er wollte sich frei machen. Er riss und zerrte, sein Jammern war herzzerreißend.

„Aber es geschieht dir ja nichts“, sagte der Schutzmann, „soll für dich gesorgt werden. Sei nur ruhig, sei nur ruhig . . . „

Gleich beim ersten Wort hatte das noch eben tief geängstigte Kind freudig aufgehorcht, des Mannes Hand ergriffen und sich wie hilfesuchend an ihn hingedrängt.

„Bist wohl hungrig?“ fragte er.

„Ja, ja.“ Die Stimme klang ganz hell. Keine Spur von Angst mehr.

„Wie alt bist du, Kleiner?“

„Zehn Jahr.“

„Wo kommst her?“

Schweigen.

„Wer sind deine Eltern?“

Abermaliges Schweigen. Sie waren eine Weile gegangen und hielten nun vor einem großen Hause, das hoch über all die geringen Häuslein des „Dörfle“, wie man diesen Stadtteil nennt, hinausragte. Der Schutzmann läutete, und sie traten ein.

Eine Schwester kam ihnen entgegen, jung, in einer weißen Haube. Ohne das mehr als die nötigen Worte zwischen ihr und dem Schutzmann gewechselt wurden, nahm sie den Kleinen bei der Hand und führte ihn ein paar Treppen hinauf, durch eine Menge dunkler Gänge und Gelasse. In einem kleinen Raume machte sie halt und zündete das Gas an. Jetzt erst betrachtete sie ihren Schützling.

„Lieber Gott,“ rief sie bei seinem Anblick aus, „lieber Gott . . . „

Sie zog einen Schemel herbei: „Da setz‘ dich her!“ Dann zündete sie den Gasofen an, denn sie befanden sich im Badezimmer, lief rasch davon und kehrte schon nach wenigen Minuten mit einer Tasse Milch zurück und einem Stück Brot.

Der Junge, der zart und klein für sein Alter war, ließ den Blick nicht von der hübschen, rotbackigen Schwester, die kam und ging, alles mögliche herbeischleppte und ihm von Zeit zu Zeit freundlich zunickte.

Sie hatte ein großes Tuch vor ihm ausgebreitet. Kaum, dass er sich’s versah, war er seiner schmutzigen, zerfetzten Kleider entledigt und lag in der wohlig warmen Badewanne.

Er lachte, er hatte so etwas nie erlebt. Nun kam die Schwester mit der Bürste und seifte ihn von Kopf bis zu den Füßen ein.

Plötzlich ließ sie ihn in Ruhe. Er streckte die Glieder, suchte eine Stütze für den Kopf. Ihm war zum Einschlafen wohl. Aber schon im nächsten Augenblick lag er in einem warmen Tuch auf dem Tische, wurde abgerieben und davongetragen. Er kam aus dem Verwundern nicht heraus. In eine warmes Bett wurde er gesteckt, fühlte weiße, unendliche Sauberkeit um sich her, sah wie aus weiter Ferne das rosige, lachende Gesicht der Schwester, die ihm zunickte, und schlief ein.

Erst gegen Mittag erwachte er. Vor seinem Bette stand Schwester Käthchen und die Oberschwester.

„Er hat nur Haut und Knochen,“ hörte er seine Pflegerin sagen, „und ein blaues Mal am andern.“

„Gelt, dir gefällt’s in deinem Bett?“ wandte sie sich an den Kleinen. „Wie heißt du denn?“

Er besann sich einen Augenblick, dann meinte er schelmisch:

„Weiß nit – „

Die Frauen lachten.

Des Nachmittags nahm ihn Schwester Käthchen vor. Sie saß neben einem Kinderwagen, in dem ein blondes und ein schwarzes Geschöpfchen einträchtig nebeneinander lagen.

„Wem gehören denn die?“ fragte der neue Ankömmling, der nun ein sauberer kleiner Kerl war mit Augen die wie Sterne glitzerten.

„Sie gehören niemand,“ sagte Schwester Käthchen, „darum bleiben sie jetzt bei uns.“

„Ich gehör‘ auch niemand,“ sagte der Kleine, „gelt, jetzt bleib‘ ich auch bei dir.“

„Aber du bist doch all die Zeit her mit jemand zusammen gewesen,“ meinte Schwester Käthchen, „du läufst doch nicht allein in der Welt herum?“

Der kleine besann sich, sah sich scheu um und sagte leise:

„Mit dem Scherenschleifer war ich.“

„Ist das dein Vater?“

Er schüttelte den Kopf.

„Die Mutter hat mich ihm verkauft für zehn Mark. Ich hab’s gesehen.“

Die Schwester strich ihm über das dunkle Haar.

„Wie lange bist du denn schon mit dem Scherenschleifer gewesen?“

„Weiß nit. Recht lang. Hab‘ müssen die Scheren einholen. Hab‘ viel mehr Schläg‘ als Essen kriegt. Aber bin ihm doch davong’laufen.

Er lachte laut auf vor Vergnügen.

„Wo ist denn deine Mutter?“

„Sag‘ ich nit. Die gibt mich wieder dem Scherenschleifer.“

„Hast du denn keinen Vater?“

„Doch, der ist auch da, und zwei Schwesterln. Aber der mag mich erst recht nit.“

„Geh, sag‘ mir, wie du heißest,“ bat die Schwester. „Weiß nit,“ sagte er wieder. „Also dann nenn‘ ich dich „Weiß nit“.

Jetzt lachte er so herzlich, dass die beiden kleinen Kinder aus ihrem Hindämmern auffuhren und die Ärmchen nach der Schwester ausstreckten.

Sie hatte sie gleich beruhigt.

„Sag‘ mir wenigstens deinen Vornamen, gelt?“

„Fritzl,“ flüsterte er.

Als der Abend kam, fehlte in der Kinderstube eine Menge Dinge. Schwester Käthchen vermisste ihr Portemonnaie, die Bürste an der Wand war weg, das Glas auf dem Tisch. Alles fand sich in Fritzls Bett vor, als die Schwester dieses für den Abend zurecht machen wollte. Der Kleine spielte im Gärtchen des Pfründnerhauses mit den andern Kindern. Als er heraufkam, standen ihm die Hosentaschen weit vom Körper ab. die Schwester fand eine Mütze, ein paar Taschentücher, einen Wollknäuel.

„Das – und alles, was ich im Bett gefunden,“ rief sie entsetzt aus, „Fritzl, du stiehlst ja!“

„Er hat mich halbtotgeschlagen, wenn ich nit g’stohlen hab‘,“ gab ihr der Kleine zur Antwort.

„Weißt du denn nicht, dass man nicht stehlen darf?“ Er nickte schlau. „Der Polizeimann ist arg hinterher.“

„Fritzl“ – die Schwester kauerte sich zu ihm hin, „sag‘ mir eins: warst du denn nicht in der Schul‘?“

„Nein.“

„Hast gar nichts gelernt, nicht lesen und schreiben?“ „Nein,“ wiederholte er, „aber sonst kann ich viel. Pass auf -„

Er stellte sich in die Mitte der Stube und verbeugte sich nach allen Seiten.

„Herrschaften“, begann er und fing an zu schwatzen, tolles Zeug, Räuber- und Mördergeschichten, alles ohne inneres Verständnis bunt durcheinander. Seine Redegewandtheit war außerordentlich, und seine Bewegungen waren so drollig, dass die Kinder nicht aus dem Lachen herauskamen.

Unermüdlich kramte der kleine Komödiant seine Geschichten aus.

Der Polizeiagent, der einmal zu solch einer Vorstellung gekommen war, meinte, der Kleine müsse, seiner Betonung nach, aus Bayern sein. Indes alle Mühe, etwas aus dem Kinde herauszubringen, war umsonst. Der Fritzl war schlau. Er gab auf die Fragen, die man an ihn stellte, immer die gleiche Antwort: „Ich gehör‘ niemand, ich bleib bei der Schwester Käthchen.“

Man schickte ihn mit den andern Kindern in die Schule. Bei den sechsjährigen saß er, das freudigste Kind, das jemals auf der Schulbank saß. Ihm war das Lernen kein muss, sondern eine Vergünstigung. Alles, was bei den andern Kindern etwas Selbstverständliches war, kam ihm wie etwas Wunderbares, nie Geahntes vor, bis auf das Zehnuhrbrot, das ihm Schwester Käthchen jeden Morgen zusteckte. Seine Augen glänzten in steter Verwunderung.

Es kam auch vor, dass er in der Nacht auffuhr und in ein verzweiflungsvolles Geschrei ausbrach.

Dann musste Schwester Käthchen ihm die Hand geben und ihm solange versichern, dass der Scherenschleifer weit und breit nicht zu sehen sei, bis er ruhig wurde. Meistens schlief er gleich ein, zuweilen fing er an zu plaudern:

„Mit einem dicken Riemen hat er mich g’schlagen. Einmal hab‘ ich viele Tag‘ nichts g’sehn, weil’s über die Augen ging. Da hat er mich Hund g’nannt und mir nichts zu essen gegeben. Aber jetzt hab‘ ich nie mehr Hunger. Jetzt tut mir’s nirgends mehr weh. Und bald kann ich lesen und schreiben. Gelt, wenn ich das kann, Schwester Käthchen, da tu‘ ich aber einen Sprung -.“

Schwester Käthchen rückte ein wenig aus dem Licht der Nachtlampe, damit das Kind die Tränen nicht sah, die ihr in die Augen stiegen. Sie war nicht weich, das viele Elend um sie her hatte sie abgestumpft. Nur indem sie die Dinge leicht nahm, konnte sie ihr schweres Werk mit Fröhlichkeit vollbringen. Die Kinder drängten sich zu ihr wie zur Sonne, weil ihre Augen lachten. Wenn sie um diese armen Kleinen geweint hätte, wäre ihnen nicht damit gedient gewesen.

Aber dieser tapfere Fritzl, an dessen Körper kein heiler Fleck war, dessen Kindheit wohl im wahren Sinn des Wortes ein Martyrium gewesen, wenn der mit seinen leuchtenden großen Augen nun sein Glück pries und alles, was jedes Kind als etwas unermesslich Schönes empfand und, ohne das er das Wort Dank aussprach, mit jedem Atemzuge, mit jedem freudigen Aufleuchten dankte und immer wieder dankte, da überkam Schwester Käthchen etwas wie ein Gefühl der Empörung, der Anklage gegen die ganze Welt, die so etwas zuließ – die solch ungerechtes Kinderleid duldete.

Er war auch unartig, er stieß einmal den beiden Kleinen im Wägelchen die Köpfe so hart zusammen, dass sie brüllten. Schwester Käthchen gab ihm eine Ohrfeige.

Da sah er sie strahlend an. Er war ganz andere Schläge gewohnt; was von Schwester Käthchens Hand kam, dünkte ihm eine Liebkosung.

Sie musste lachen über den Misserfolg ihrer Strafe, sie zog ihn zu sich heran.

„Schau, Fritzl, du musst recht lieb mit ihnen sein, es sind gar so arme Frätzle, die zwei.“ „Sei ruhig,“ sagte er, „ich heirat‘ sie später.“

„Auch noch alle zwei,“ lachte sie auf.

„Sonst blieb ja eins allein,“ meinte er.

Weihnachten war in Sicht, und Schwester Käthchen saß in der großen Kinderstube zwischen ihren Schützlingen – Kinder, die nie Elternliebe gekannt hatten oder den Misshandlungen ihrer Eltern entrissen worden waren. Nun saßen oder lagen oder standen sie um Schwester Käthchen herum, die einen Haufen Kinderwäsche zum ausbessern vor sich hatte und vom Christkind erzählte. „Traurig war die Welt und dunkel. Ach, so dunkel und kalt. Kein Mensch war froh. Auch kein Tier. Es war ein so großes Frieren. Da hatte der liebe Gott Erbarmen. Er schickte das Christkind. Und das Christkind kam. Vom Himmel hoch kam’s herab und zündete das Bäumlein an mit tausend lustigen Lichtern, dass es warm wurde auf der kalten Erde und hell und froh, dass alle Kinder jauchzten und schöne Lieder sangen und niemand mehr traurig war auf Erden.“

So sprach sie und noch vieles andere. Dass sie nun alle brav sein müssten und folgsam. Nicht mit leeren Händen dürften sie vor den Christbaum treten.

„Ich habe meine Suppe aufgegessen,“ müssten sie zum Christkind sagen können. „Ich habe meine Schürze reingehalten.“ „Ich war nicht gefräßig.“

Solche Dinge müssten sie dem Christkind bringen. Auch die heiligen drei Könige, die von weither dem Stern zu Bethlehem nachgezogen seien, hätten dem Christkind eine Menge schöner Sachen mitgebracht.

Die kleinen Mädchen saßen längst um die Perlenschachtel, um Kränzlein zu machen für den Weihnachtsbaum.

Der Fritzl aber wollte immer noch von den heiligen drei Königen erzählt haben.

„War er sehr groß, der Stern zu Bethlehem?“ lauteten seine Fragen.. „Ich hab‘ viele Stern‘ schon g’sehn. War er viel größer, viel schöner? Glaubst, dass er noch manchmal am Himmel steht, wenn auch die heiligen drei Könige jetzt tot sind? Gelt, sag‘ mir, wenn er am Himmel steht, und ich sollt‘ grad schlafen.“

Schwester Käthchen versprach ihn zu wecken. Da gab’s ein großes Geschrei. Sie wollten alle geweckt sein. Wollten alle den Stern sehen.

Ach, so groß wie die Seligkeit in der armen Kinderstube, so heiß die Erwartung – eine Erwartung und Sehnsucht, wie sie jene Hirten und Könige einstens empfanden, dass sie kamen von allen Seiten und nichts wollten, und nichts begehrten als anzubeten, niederzusinken vor dem Heile der Welt, das endlich gekommen. Aber so wie den Fritzl, so gewaltig ergriff die Erregung keins der Kinder. Er störte sie alle. Er wusste nicht, was anstellen vor mächtiger Freude. Er schwatzte den ganzen Tag.

Ihm hatte das Christkind noch nie einen Baum angesteckt. Ihm war das alles so neu, so wunderbar neu. Eine Sehnsucht ergriff ihn, etwas zu geben, Schwester Käthchen eine Freude zu machen.

„Weißt, jetzt will ich dir’s sagen, wo meine Mutter wohnt,“ begann er, den Arm um den Hals der Schwester schlingend, „in München wohnt sie bei einer großen Wiese. Siehst, jetzt sag‘ ich dir alles. Und dass sie mich auf die Gass‘ gejagt, wie sie den Schwesterln einen Baum g’macht. Hab‘ die Lichter durchs Fenster g’sehn. Hast eine Freud‘ jetzt?“

Nein, sie hatte keine, sie hatte keine! Wie oft hatte sie ihn gefragt, wo er zu Hause sei, ihm gedroht, er müsse ihr sagen, wo er zu Hause sei, wo seine Eltern wohnten. Immer wieder war nachgefragt worden, ob man nichts von ihm wisse, ob er noch immer nicht gesprochen. Und jetzt gerade vor Weihnachten, hatte er’s getan. Wenn sie es nun sagte, so würde man ihn am Ende holen und heimbringen zu jener Mutter, die ihn auf die Gasse gejagt, während sie ihren andern Kindern einen Baum angesteckt.

Nein, nein, sie wollte sein Geheimnis nicht verraten. Er sollte seine Weihnacht noch haben, ehe er in die Heimat ausgeliefert wurde.

Sie schwieg. Sie war doppelt gut zu ihm.

Und endlich kam der heilige Abend, und Fritzl trat mit den Kindern vor den Baum mit den vielen Lichtern und dem glänzenden Stern obenan.

„Da ist er ja, da ist ja, der Stern,“ schrie er ganz außer sich vor Freude.

Aber er wurde zurückgehalten. Die Kinder sangen mit den Schwestern, und die alten Pfründnerinnen sangen mit und vergaßen ein wenig ihre Gebrechlichkeit.

Der Fritzl aber konnte fast nicht stillhalten. All das Singen, all das Reden dauerte ihm viel zu lang. Er war der erste, der vor der Krippe mit dem Christkind stand. Und siehe da, einen Haufen Sachen zwängte er aus seinen Taschen, lauter entwendetes Gut, und legte es stolz und glückselig vor das Christkind hin, rühmte sich noch damit, hielt die Kinderhäubchen, schmutzige Taschentücher, Griffel, Bleistifte hoch, hoch – „Und das – und das – schau alles, das schenk‘ ich dir -„

Nein, es konnte keiner zanken. Man konnte nichts sagen vor Lachen.

Schwester Käthchen meinte entschuldigend: „Er hat mich ein wenig missverstanden. Ich wird’s ihm schon klarmachen,“ und nahm ihn beim Kopf.

„Weißt, Fritzl, Gestohlenes darf man dem Christkind nicht bringen.“

„Aber sonst hab‘ ich ja nichts,“ meinte er.

Die Tage vergingen und Schwester Käthchen hatte noch immer nichts gesagt. Sie konnte es nicht übers Herz bringen.

Der Januar ist so kalt, kam sie mit sich überein, ich will noch ein wenig abwarten.

Der Februar war auch noch kalt.

Jetzt wurde der Polizeiagent dringend.

Also dann sprach sie.

Und eines Morgens richtete sie ein kleines Bündel zusammen. Der Gendarm stand schon vor der Türe. Schnell befestigte sie eine Schnur mit einem Medaillon um den Hals ihres Lieblings, küsste ihn und schob ihn über die Schwelle. Sie zitterte, sie hielt die Türe fest zu. Im nächsten Augenblick hörte sie ihn schreien, markerschütternde Töne waren’s.

Schwester Käthchen warf sich über ihr Bett und schluchzte und schwor und schwor: „Ich werde kein Kind mehr lieben – ich werd‘ kein Kind mehr lieben – “ Aber es kamen neue Kleine und mit ihnen neues Elend. Sie hatte keine Zeit, ihrem Schmerz nachzuhängen. Die ihr anvertrauten Kinder verlangten ihre Gegenwart, verlangten stürmisch nach ihrer Heiterkeit.

Und so wurde sie wieder die alte. Sie vergaß ihn nicht, den Fritzl, aber sie hatte sich beruhigt, und bald vergingen Tage und Wochen, ohne dass sie seiner gedachte.

Als aber Weihnacht wieder vor der Tür stand, ging’s ihr ganz seltsam. Sie wehrte sich, sie wollte nicht, aber der Fritzl ging ihr nicht aus dem Sinn. Eine große Unruhe erfasste sie. Die Frage ließ sie nicht los: Wie wird es ihm gehen – wie wird es ihm gehen?

Wieder verfertigten die kleinen Mädchen Perlenkränzlein für den Weihnachtsbaum, und wieder erzählte die Schwester die alte und ewig neue Geschichte vom Christkindlein, das in die dunkle kalte Welt das Licht und die Freude gebracht.

Im Kinderwagen lagen zwei neue Geschöpfchen, und die vom letzten Jahr krabbelten auf dem Boden herum. Schwester Käthchen sah sich unter ihren Schützlingen um, und es fuhr ihr durch den Sinn: So wie über den Fritzl hab‘ ich doch nie wieder über ein Kind lachen müssen. Wie wär’s doch schad‘ um ihn, wenn er zugrund‘ gehen müsste.

Der Schnee schlug gegen die Fensterscheiben. Es war ganz still auf der Gasse, so tief und weich war die Decke über dem Erdboden.

„Wird sie ihn am End‘ wieder hinausschicken, wenn sie ihren andern Kindern beschert?“ murmelte Schwester Käthchen vor sich hin.

Eine Magd erschien unter der Türe.

„Ein Bub‘ verlangt nach Ihnen, Schwester Käthchen. Er ist so schmutzig, dass ich ihn nicht reingelassen habe.“ Schon war sie draußen. Sie fragte nicht lange, wer das zitternde, weinende Geschöpf da in der Ecke war – sie nahm’s in ihre Arme.

Eine Stunde später lag der Fritzl wieder in seinem alten sauberen Bett mit noch größeren Augen als früher und einen Appetit, der nicht zu stillen war. Die Oberschwester kam, und alle Schwestern und Kinder umstanden sein Bett.

„Gelt aber, ich bin noch recht kommen,“ nickte er ihnen zu, „hab‘ immer denkt, wenn ich nur zur heiligen Nacht daheim bin.“

„Willst du uns nicht erzählen, wie dir’s ergangen ist?“ fragte Schwester Käthchen.

„Freilich,“ nickte er, „o, `s ist mir gut gangen, nur wie ich in München ankommen bin, hat mich die Mutter an der Hand packt wie ein Stück Holz. Die Schwesterln haben sich auch nit g’freut. Der Vater hat g’sagt: „Ich geh‘ auf den Abend ins Wirtshaus.“ Dann hat die Mutter g’sagt, sie woll‘ mich in der Küch‘ füttern. Hat mir auch recht schön’s Essen geben. Aber der Vater ist doch ins Wirtshaus. Die Mutter hat g’heult, ich glaub‘, er hat sie g’schlagen. Ich sei an allem schuld, hat sie g’sagt.“ „Bist auch in die Schul‘ gangen?“ fragte Schwester Käthchen.

„Freilich“, nickte er, „er war recht zufrieden, der Lehrer, hat mich nie g’hauen. Kann’s Einmaleins fast -“ „Aber warum bist denn von daheim fort?“ erkundigte sich die Oberschwester.

„Ja, das war – das war halt so -: Am Tisch sind wir g’sessen, die Schwesterln und ich, ohne Licht. Aber ich seh‘ auch im Dunkeln. Die Mutter ist reinkommen, bin erschrocken über ihr Gesicht. Da setz‘ dich her,“ hat sie zu mir g’sagt und mich unten an‘ Tisch zogen. Drauf ist sie wieder gangen. Die Schwesterln waren ganz still und ich auch. Eine Angst hab‘ ich gehabt wie vor dem Scherenschleifer. Da bin ich schnell über den Tisch weg ans Fenster. Die Mutter ist gleich reinkommen mit einer dampfenden Schüssel. Über den Stuhl, wo ich g’sessen bin, hat sie die Schüssel fallen lassen. Hab‘ sie laut schreien hören. Weit schon war ich, draußen auf der Gass‘, hab‘ ich sie noch immer schreien hören. – Da bin ich g’laufen – „

Er schwieg. Die Kinder lachten. Es lag so viel Lustigkeit in seiner Stimme. Sie merkten nicht, wie sich Schwester Käthchen über die Augen wischte.

„Wer hat dir denn das Geld zum Herfahren gegeben?“ fragte die Oberschwester.

Er sah sie lachend an: „Mit hat kei‘ Mensch Geld geben, hab‘ halt ein Fuß vor den andern g’setzt. Vorwärts marsch, wie der Scherenschleifer g’sagt hat‘.“ Die Kinder jubelten.

Schwester Käthchen schlug die Hände zusammen: „Zu Fuß von München bis hierher! Ist das möglich!“

„Ist sogar recht schön gewesen,“ behauptet Fritzl, „bin immer der Eisenbahn nach. Hab‘ auch oftmals zu essen kriegt unterwegs, manchmal eine Supp‘ und einmal einen Pfannenkuchen. In der Nacht bin ich in die Heustadel gekrochen oder in Stall. Einmal hab‘ ich g’meint, ich seh‘ den Scherenschleifer. Da bin ich vor Angst zu einem Hund in die Hütt‘. Er war aber recht gut und hat mich g’leckt. Die ganze Nacht hab‘ ich bei ihm g’schlafen, und in der Früh haben mir seine Leut‘ Kaffee geben.“ „Und dann? Und dann?“ riefen die Kinder. Ganz eng umstanden sie das Bett. „Dann hab‘ ich einen Purzelbaum g’schlagen und dann noch einen,“ prahlte Fritzl.

„Wie lang‘ warst du denn unterwegs?“ fragte die Oberschwester.

„Weiß nit,“ meinte er achselzuckend, „vielleicht war’s zweimal Sonntag. Nur haben die Sohlen nit g’halten. Da haben mir die Füß‘ halt weh g’tan. Hol’s der Teufel, hab‘ ich denkt.“

Das jugendliche Publikum schrie vor Vergnügen. Er schnitt eine Grimasse: „Hol’s der Teufel,“ wiederholte er zwei-, dreimal.

Jetzt drängte die Oberschwester: „Und dann?“

„Dann – ja dann hat mit eine Frau ein Paar Schuhe geben. Jetzt haben die auch wieder nit g’halten. Wenn s‘ mich gar so brennt haben, die Füß‘, hab‘ ich an den Stern von Bethlehem denkt, dem die heiligen drei König‘ nach sind bis hin zum Christkindl. Da hab‘ ich denkt, was die heiligen drei König‘ können, das muss doch der Fritzl auch können.“

Schwester Käthchen streichelte ihm die Wangen: „Dass du alles so schön behalten hast, was ich dir vom Christkind erzählt.“

Er machte ein höchst pfiffiges Gesichtchen: „Will dir’s verraten – nit ein einziges Mal hab‘ ich g’stohlen – und weißt warum? Dass mich halt `s Christkindl dafür bei dir lasst. – Glaubst, `s ist so g’scheit?“ setzte er fragend hinzu.

Schwester Käthchen setzte noch in der gleichen Stunde eine frische Haube auf und nahm ihren Kragen um. Spornstreichs ins Schloss rannte sie. – Die Landesherrin hatte sich der allzeit heiteren Schwester von jeher gnädig gezeigt. Es verging keine Woche, ohne dass die hohe Frau das Armenheim besuchte. Als sie Schwester Käthchen, nachdem ihr der Fritzl entrissen worden war, mit rotgeweinten Augen antraf, musste das Mädchen beichten, und von diesem Augenblick an wurde sie erst recht von der Landesherrin ausgezeichnet. Zu ihr nun eilte Schwester Käthchen. Und kam selig und strahlend von ihrem Wege zurück. Eben trat der Polizeiagent mit der Oberschwester aus der Kinderstube.

„Schwester, Schwester,“ schrie der an allen Gliedern zitternde Kleine der Eintretenden entgegen, „er will mich wieder fortnehmen – o Schwester, wie war der Weg so weit – und jetzt seh‘ ich ihn am End‘ doch nit, den drei heiligen Königen ihren Stern . . . „

Da kniete sie neben ihm hin: „Fürcht‘ dich nicht, Fritzl, sei froh, es darf dich keiner mehr von hier wegnehmen. Ich hab’s für dich in der Tasche zum Weihnachtsgeschenk. Fritzl bleibt unser Kind. Darfst es aber dem Christkinde nicht verraten, dass ich dir’s vorher gesagt hab‘.“

Er lächelte, indem er tief, wie von einer schweren Last befreit, aufatmete. Schon im nächsten Augenblick schlief er, seligen Frieden auf dem blassen, von Leiden und Entbehrungen so hart gezeichneten Kindergesicht.

Hermine Villinger, 1849-1917

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